Die Alpfamilie Tschudi erzählt von der Alp Heuboden
Wir, Annelies und Peter Tschudi-Länzlinger, haben im Jahr 2020 die Privatalp Heuboden in der 4. Generation von Peters Eltern übernommen. Peter arbeitet im Winter immer auf seinem erlernten Beruf als Zimmermann, verbringt aber mittlerweile schon den 14. Sommer als Älpler auf der Alp. Und auch ich, Annelies, durfte schon drei Sommer samt Kindern oben verbringen. Wir haben mit viel Freude aber natürlich auch mit etwas Respekt die Alp übernommen. Wir sind sehr dankbar, dass wir so eine gut erhaltene Alp weiterführen dürfen und auch dafür, dass die Eltern und Familienmitglieder immer zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden.
Perfekt gelegen
Unsere Alp ist perfekt gelegen. Ein paar Schritte aus dem Haus und schon stehen wir auf der Alpwiese. Unser Zuhause im Stoffel, hoch über Ennenda, liegt auf knapp 1338 m ü. M. Schon unser Zuhause fühlt sich etwas nach Alp an. Es ist ruhig, fernab von der ganzen Hektik und mitten in der Natur. Paradiesisch und ein riesiges Geschenk, an diesem schönen Fleckchen Erde fünf Kinder gross zu ziehen. Im Frühling, bei ansteigenden Temperaturen, steigt auch das Alpgefühl. Dann zieht es uns wieder auf die Weiden wo wir mit Klein und Gross mit Zäunen beginnen. Die Alp liegt zwischen Äugsten und dem Fronalpstock und erstreckt sich zwischen 1200 und 2000 m ü. M. über drei Stafel. Wenn dann wieder die Kuhglocken ertönen, beginnt die abwechslungsreichste Zeit im Jahr. Bei uns sömmern jährlich ca. 65 Milchkühe, 75 Rinder und 1 Stier von insgesamt 11 verschiedenen Bauern. Die Milch verarbeiten wir zu zirka 10 Tonnen Glarner Alpkäse AOP, wovon wir ungefähr einen Drittel selbst vermarkten. Auch die 25 Schweine, welche jedes Jahr bei uns das Alpleben geniessen dürfen, vermarkten wir selber.
Die drei Stafel
Die Rinder starten die Alpzeit auf dem untersten Stafel, im Bärentrösli, und fressen danach den Kühen hinterher. Die Kühe verbringen die erste Zeit im Mittelstafel. Nach etwa fünf Wochen zügeln die Kühe, die Schweine und das Personal in den Oberstafel – die Perle der Alp. Der Helikopter fliegt alles Material und die Verpflegung hoch, was Füsse hat, geht zu Fuss. In der Oberenzeit kommt dann jeden Mittwoch der Helikopter, um die Käse-Laibe zum Käsekeller im Stoffel zu bringen und vom Stoffel kommt wieder frische Verpflegung hoch, welche von mir immer eingekauft und vorgekocht wird. Nach etwa sechs Wochen zügeln wir wieder in den Mittelstafel und kurz vor Saisonende dürfen die Kühe noch für etwa zwei Wochen ins Bärentrösli. Im Bärentrösli haben wir keine Sennerei eingerichtet. Die Milch wird mittels Schilter zum Mittelstafel gebracht und dort verarbeitet.
Schweinemarsch zum Oberstafel
Ja, auch die Schweine bewältigen die Reise zum Oberstafel und auch zurück zu Fuss. Da Schweine nicht schwitzen können, ist nicht jedes Wetter für den Marsch geeignet. Wenn möglich wählen wir einen regnerischen oder zumindest bedeckten, nicht zu heissen Tag aus oder sonst nehmen wir den Marsch früh morgens bei Tau in Angriff. Sobald sich die Tiere ein paar Meter vom Gebäude entfernt haben und in die Gänge kommen, ist der Aufstieg/Abstieg eigentlich kein Problem mehr. Es ist einfach wichtig, dass man nicht zu schnell läuft und zwischendurch auch mal eine Pause einlegt. Wenn alle Stricke reissen, so kommt auch Mal eine Meisse zum Einsatz. Nach den fünf Wochen im Oberstafel geht die Reise wieder zu Fuss nach unten. Dann sind die Schweine schon etwas schwerer und sollte eins den Weg nach unten nicht mehr schaffen, so wird es in einer Kiste auf den Hornschlitten geladen. Aber das ist zum Glück nicht jedes Jahr der Fall.
Neubau Oberstafel
Mit der Übernahme der Alp haben wir auch die Aufgabe übernommen, im Oberstafel etwas zu ändern. Der alte Stall war nicht mehr tierschutzgerecht und wir mussten gezwungenermassen etwas verändern. Viele Varianten haben wir in Betracht gezogen, so etwa einen Anbau oder einen Melkstand. Schlussendlich aber haben wir uns dazu entschlossen, denn Stall, samt Güllengrube neu zu bauen und auch einen separaten Schweine- und Kälberstall anzufügen. Mit diesem Entschluss folgten auch sehr intensive, arbeitsbelastende Jahre. Im 2021 hat Peter den Neubau ausgetüftelt und geplant, 2022 haben wir mittels einer mobilen Säge das Holz bereit gemacht und 2023/2024 war dann die Bauphase voll im Gange. Das Baumaterial und die Verpflegung haben wir alles mittels einer tämporären Transportseilbahn zum nicht erschlossenen Oberstafel transportiert und die Arbeiter mussten alle zu Fuss zur Baustelle. Viele blieben wochenweise oben und arbeiteten meistens bis in die Nacht hinein. Trotz sehr intensiver Arbeitsbelastung hatten wir das grosse Glück, dass uns so viele fleissige Arbeiter geholfen haben und auch auf das Alppersonal durften wir zählen.
Drei und vier Sommer die gleichen Angestellten
Im ersten Sommer, in dem wir selber für das Alppersonal zuständig waren, durften wir unter anderen Simon in unser Team nehmen. Ein junger, engagierter Toggenburger, der mit seiner Art und seinem Wesen wie ein Familienmitglied für uns war. Ein Jahr später, also 2021 kam dann die Aargauerin Christine als Zusennin ins Team und auch sie gehörte fast schon ein bisschen zur Familie. Die beiden haben sich bei uns kennen und lieben gelernt und blieben uns drei und vier Sommer treu. Zum treuen Alppersonal gehört auch weiterhin Vater Fritz (Senn) und auch Mutter Anna übernimmt eine grosse Verantwortung mit der Pflege vom Käse. Wir hatten immer wieder tolle Leute bei uns, die das Team vervollständigt haben. Jeden Sommer frische Angestellte zu suchen und zu finden ist jedoch nicht immer leicht; manchmal merkt man erst mit der Zusammenarbeit, ob es passt oder nicht und einige unterschätzen auch, was «z’Alp sii» bedeutet. Ein Alpsommer ist streng und von Schlafmangel begleitet. Das kann zu zusätzlichen Reibereien führen und es kommt leider auch hin und wieder vor, dass jemand das Team frühzeitig verlässt. Umso schöner, wenn sich das Team versteht und gut zusammen funktioniert und noch viel schöner, wenn zwischendurch einander «zue g’juchzet» wird oder ein schöner Jodel oder ein Örgelistück ertönt. Das sind die unvergesslichen Momente, die mir persönlich Mitten ins Herz gehen.
Übernahme von neuen Aufgabenbereichen
Jetzt, wo der Neubau im Oberstafel dem Ende zugeht, möchten wir uns auch wieder etwas mehr der Alp widmen. Peter möchte nach zwei Sommern als Bauherr wieder «richtig» z’Alp und wenn möglich in Vater Fritz’ Fussstapfen treten. Sein Traum ist es, das Sennen zu übernehmen und Fritz durch etwas weniger Verantwortung zu entlasten. Auch ich möchte nach diesen zwei sehr organisationsreichen Jahren die Prioritäten etwas anderst setzen. Schritt für Schritt möchte ich die Käsepflege übernehmen und so Anna’s arbeitsintensive Verantwortung übernehmen. Über die Sommerferien und Oberstafelzeit möchten wir weiterhin möglichst viel Zeit, oder besser gesagt noch mehr als bis anhin als Familie zusammen sein und unseren Kindern die Freude am Alpleben weitergeben. Mit dem Neubau im Oberen haben wir uns eine richtig wohnliche Atmosphäre geschaffen und es ist ein bisschen ein zweiter Wohnort geschaffen worden. Denn während der Schulzeit wohnen ich und unsere fünf Kinder im Stoffel und pendeln von dort aus zur Schule und auf die Alp. Umso mehr freuen sich immer alle, wenn die Sommerferien beginnen und wir zusammen sein können.